Lebensversicherung in der Krise – vom sicheren Versprechen zum drohenden Kollaps - Dr. Thomas Schulte

Lebensversicherung in der Krise – vom sicheren Versprechen zum drohenden Kollaps

Lebensversicherung in der Bewährungsprobe – Ist das Ende eines Finanzmythos gekommen? Wie ein jahrzehntelang als unantastbar geltendes Vorsorgeinstrument ins Wanken gerät – und warum Millionen Deutsche jetzt handeln sollten.

War die Kapitallebensversicherung wirklich das unerschütterliche Fundament der privaten Altersvorsorge – oder nur ein trügerisches Sicherheitsversprechen? Was geschieht, wenn Millionen Deutsche ihre Policen einlösen wollen – und die Branche nicht genug Kapital hat? Und vor allem: Wie viel Zeit bleibt noch, um zu handeln? Genau diese Fragen stellen sich Dr. Thomas Schulte, Rechtsanwalt und Verbraucherschützer, und Sven Enger, ehemaliger Versicherungsvorstand und Branchenkenner – und ihre Antworten dürften viele Versicherte wachrütteln.

Der Glanz ist verblasst

Die Kapitallebensversicherung war über Jahrzehnte hinweg das unangefochtene Fundament der privaten Altersvorsorge in Deutschland – ein Finanzprodukt, das in den 1970er, 80er und 90er Jahren beinahe synonym für Sicherheit, Verlässlichkeit und langfristige Planbarkeit stand. Der Garantiezins lag in Hochzeiten bei stolzen vier Prozent und galt über die gesamte Vertragslaufzeit als gesichert. Hinzu kam ein steuerlicher Vorteil, der das Produkt besonders attraktiv machte: Bis Ende 2004 konnten Auszahlungen aus Kapitallebensversicherungen steuerfrei vereinnahmt werden, sofern der Vertrag mindestens zwölf Jahre bestand. Dieses Versprechen – ein sicherer Zinsertrag, steuerfreie Auszahlung und der Schutz vor wirtschaftlichen Turbulenzen – wirkte wie ein Magnet und brachte die Branche auf ein historisches Hoch. Millionen Deutsche unterschrieben Verträge, viele davon mit Laufzeiten von 20, 30 oder gar 40 Jahren, in der Überzeugung, sich damit einen sorgenfreien Ruhestand zu erkaufen.

Doch die Rahmenbedingungen änderten sich grundlegend – und zwar schneller, als es den meisten Versicherungsnehmern bewusst war. Mit der Steuerreform 2005 entfiel die generelle Steuerfreiheit der Auszahlungen. Fortan mussten Kapitalerträge aus Lebensversicherungen – abhängig von Vertragsbeginn, Laufzeit und Alter bei Auszahlung – ganz oder teilweise versteuert werden. Der nächste Einschnitt folgte in der Niedrigzinsphase nach der Finanzkrise 2008: Die Kapitalmarkterträge der Versicherer schrumpften dramatisch, die Überschussbeteiligungen sanken Jahr für Jahr. 2017 wurde der Garantiezins für Neuverträge auf nur noch 0,9 Prozent abgesenkt – ein Niveau, das nicht einmal mehr die Inflation ausgleichen konnte und bei vielen Verträgen vollständig durch Abschluss- und Verwaltungskosten aufgezehrt wird.

Diese Entwicklung ist nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine strukturelle Zäsur: Aus einem einst hochrentablen, steuerlich privilegierten Produkt ist in weiten Teilen ein Anlageinstrument geworden, das unter den heutigen Markt- und Regulierungsbedingungen oft keine reale Wertsteigerung mehr bietet. Die Illusion der „absoluten Sicherheit“ ist brüchig geworden – und mit ihr das Vertrauen in eine ganze Branche, die sich jahrzehntelang auf das Versprechen stabiler Garantien stützte.

Verlorene Sicherheiten bei Lebensversicherungen - Sven Enger

Drei Billionen Euro im Risiko – und eine ganze Generation im Fokus

In Deutschland existieren derzeit rund 93 Millionen Lebensversicherungsverträge mit einem Gesamtvolumen von über drei Billionen Euro – eine gewaltige Summe, die den Bundeshaushalt um ein Vielfaches übersteigt. Diese Zahl allein verdeutlicht, wie essenziell die Lebensversicherung als Bestandteil der privaten Vermögensbildung für Millionen Haushalte war und ist. Besonders betroffen sind die Babyboomer – jene geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1955 und 1969 –, die seit den 1970er- und 80er-Jahren mit großem Vertrauen in das Produkt eingezahlt haben. Für viele war die Kapitallebensversicherung nicht nur eine Vorsorgeoption, sondern der zentrale Baustein ihrer Altersabsicherung.

Nun stehen diese Verträge in großer Zahl vor der Auszahlung. Es beginnt eine Phase, in der über Jahre aufgestaute Ansprüche gleichzeitig fällig werden – ein Rentenboomer-Effekt, der die Branche unter enormen Liquiditätsdruck setzt. Die Versicherer müssen gigantische Summen ausschütten, während die Kapitalmarkterträge aufgrund jahrelanger Niedrigzinsphasen und konservativer Anlagevorschriften unterdurchschnittlich ausfallen. Hinzu kommt ein strukturelles Risiko: Anders als Bankeinlagen, die durch Einlagensicherungssysteme wie die gesetzliche Einlagensicherung oder den freiwilligen Einlagensicherungsfonds der Banken geschützt sind, gibt es für Lebensversicherungen keine vergleichbare staatliche Garantie.

Zwar existiert mit der Protektor Lebensversicherungs-AG ein brancheneigener Sicherungsfonds, der im Notfall die Verträge insolventer Versicherer übernimmt. Doch dieser Fonds konnte bislang lediglich die Pleite eines kleineren Marktteilnehmers – der Mannheimer Lebensversicherung im Jahr 2003 – abfedern. Selbst dieser vergleichsweise kleine Fall stellte die Branche finanziell vor Herausforderungen. Experten wie Sven Enger und Dr. Thomas Schulte sind sich einig: Ein Zusammenbruch eines großen Versicherers würde das Sicherungssystem überfordern – die eingezahlten Kundengelder könnten dann nicht mehr vollständig abgesichert werden.

Die kritische Frage lautet daher: Was passiert, wenn genau in dem Moment, in dem Millionen Babyboomer ihre Policen ausgezahlt bekommen wollen, die Kapitaldecke eines Versicherers reißt? Die Antwort könnte über das Vermögen einer ganzen Generation entscheiden.

Das zweistufige Ausstiegsmodell – mehr als nur der Rückkaufswert

Sven Enger, ehemaliger Vorstand bei Skandia, Delta Lloyd und Standard Life, warnt eindringlich: „Viele Versicherte glauben, ihr Geld sei sicher – dabei kann es bei einer Krise zu massiven Verlusten kommen.“ Gemeinsam mit Fachanwälten wie Dr. Thomas Schulte setzt Sven Enger auf ein zweistufiges Ausstiegsverfahren. Dabei wird die Police zunächst an einen Zwischenfinanzierer verkauft, der innerhalb weniger Wochen 75 Prozent des Rückkaufswertes auszahlt. Parallel prüfen versicherungsmathematische Gutachter, ob der Vertrag fehlerhaft kalkuliert wurde. Nicht selten ergeben sich daraus Nachforderungen, die den Auszahlungsbetrag verdoppeln können.

Versprechen und Realität – die große Rendite-Lücke

Viele Versicherungsnehmer erinnern sich an die Prognosen beim Vertragsabschluss: 100.000 Euro Ablaufleistung wurden in Aussicht gestellt – tatsächlich gibt es heute oft nur 50.000 bis 60.000 Euro. Die Gründe: Sinkende Überschussbeteiligungen, Null- und Negativzinsen auf sichere Staatsanleihen und hohe interne Kosten. Besonders brisant: Ein Großteil der Verträge der Babyboomer-Generation läuft in den kommenden Jahren aus – ein Zeitpunkt, an dem das System unter dem Druck der Demografie und niedriger Kapitalmarkterträge ächzt.

Juristische Fragen: Ist der Garantiezins überhaupt garantiert?

Rechtsanwalt Dr. Thomas Schulte weist auf ein oft übersehenes Detail hin: „Der Garantiezins gilt nur auf den Sparanteil nach Kostenabzug – oft sind das 70 Prozent der Beiträge. In Krisenzeiten kann die Finanzaufsicht die garantierten Leistungen sogar reduzieren.“ Damit ist klar: Selbst die vermeintlich unantastbaren Garantien sind unter bestimmten Bedingungen veränderbar.

Der Strukturfehler im System

Aus Sicht von Sven Enger ist das Problem strukturell: Die Versicherer müssen konservativ anlegen – meist in Staatsanleihen mit niedriger oder gar negativer Verzinsung. Gleichzeitig werden hohe Vertriebskosten, Personalausgaben und Marketingaufwendungen aus den Kundengeldern bezahlt. Um frühere Zusagen zu erfüllen, setzen viele Gesellschaften auf steigendes Neugeschäft – ein Prinzip, das Parallelen zu einem Schneeballsystem aufweist. Solange genügend neue Kunden gewonnen werden, läuft das System. Bricht der Zufluss ab, geraten die Unternehmen in Bedrängnis.

Wenn die Altersvorsorge kippt – was tun?

Sven Enger rät klar: „Wer noch lange Laufzeiten vor sich hat, sollte prüfen lassen, ob ein Ausstieg oder eine Umwandlung in eine renditestärkere Anlageform möglich ist.“ Alternativen gibt es viele: staatlich geförderte Modelle wie Riester- oder Rürup-Rente, betriebliche Altersvorsorge, ETF-basierte Fondssparpläne, Immobilieninvestments oder US‑Life-Settlements – den Aufkauf fremder Lebensversicherungen mit planbarer Rendite.

Die juristische Rettungsleine – Rückabwicklung bei fehlerhafter Belehrung

Hier kommt die Expertise von Dr. Thomas Schulte ins Spiel: Zahlreiche Urteile des BGH und EuGH haben bestätigt, dass fehlerhafte Widerrufsbelehrungen Versicherungsnehmern ein „ewiges Widerrufsrecht“ einräumen können. Das ermöglicht die vollständige Rückabwicklung des Vertrags – mit Erstattung aller eingezahlten Beiträge plus Zinsen. In der Praxis sind so Mehrerlöse im fünfstelligen Bereich möglich.

Fazit: Handeln, bevor es zu spät ist

Die Kapitallebensversicherung ist längst nicht mehr das, wofür sie jahrzehntelang stand. Sinkende Garantiezinsen, wachsende Kosten und fehlende Sicherungssysteme machen sie zu einem Hochrisikoprodukt in der Altersvorsorge. Wer untätig bleibt, riskiert finanzielle Einbußen, die sich nicht mehr ausgleichen lassen. Die Botschaft von Sven Enger und Dr. Thomas Schulte ist klar: Jetzt prüfen, jetzt handeln – und die eigenen Rechte kennen, bevor das Versprechen endgültig kollabiert.

V.i.S.d.P

Dr. Rainer Schreiber
Dozent, Erwachsenenbildung & Personalberater

Über den Autor:

Personalberater und Honorardozent Dr. Rainer Schreiber, mit Studium der Wirtschaftswissenschaften mit den Schwerpunkten Finanzierung, Controlling, Personal- und Ausbildungswesen. Der Blog schreiber-bildung.de bietet Themen rund um Bildung, Weiterbildung und Karrierechancen. Sein Interesse liegt in der beruflichen Erwachsenenbildung und er publiziert zum Thema Personalberatung, demografischer Wandel und Wirtschaftspolitik. 

Kontakt

Rechtsanwalt Dr. Thomas Schulte
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