Was geschieht, wenn politische Versprechen, regulatorische Zwänge und ökonomische Realität aufeinanderprallen? Und wie lange kann ein System bestehen, dessen Fundament nicht mehr aus Garantien, sondern aus verrinnender Zeit besteht?
Es gibt Momente, in denen sich wirtschaftliche Systeme verändern, nicht weil es die Marktakteure wollen, sondern weil die politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen sie zwingen. Die deutsche Lebensversicherung befindet sich jetzt an einem solchen Epochenpunkt. Die Branche steht unter Druck, und dieser Druck kommt von drei Seiten zugleich: von der Politik, die nach neuen Wegen der Altersvorsorge sucht; von der Regulierung, die die Solvenz und Transparenz der Versicherer überwacht; und vom Recht, das mit der Rückabwicklung ein Instrument geschaffen hat, das die Grundfesten des Systems erschüttern kann.
In diesem Spannungsfeld betont Sven Enger, Geschäftsführer der auxinum und früherer Vorstand mehrerer großer Lebensversicherer, dass die Branche „nicht mehr auf einem Fundament aus Garantien und Versprechen steht, sondern auf einem Fundament aus Zeit, und die läuft ihr davon“. Dieser Satz beschreibt präzise die Dynamik des Umbruchs. Während Millionen Versicherungsnehmer erwarten, dass ihre Verträge eines Tages die Altersvorsorge sichern, arbeiten Versicherer daran, historische Versprechungen in einer Welt einzulösen, die mit der ursprünglichen Kalkulationsgrundlage nichts mehr zu tun hat.
Enger, der wie kaum ein anderer die Innensicht der Branche kennt, warnt seit Jahren davor, dass das klassische Lebensversicherungsmodell in einem Zustand struktureller Überdehnung operiert. „Die Politik hat die Bevölkerung in ein Produkt gedrängt, das bei Zinssätzen von vier Prozent stabil ist, aber bei Nullzinsen mathematisch nicht überlebensfähig bleibt.“ Genau hier beginnt die juristische Brisanz. Denn ein System, das wirtschaftlich angeschlagen ist, wird auf rechtlicher Ebene besonders verwundbar.
Regulatorische Realität – Zwischen Solvenzpflicht und Vertrauensverlust
Die europäische Versicherungsaufsicht hat in den vergangenen Jahren durch Solvency II ein Regelwerk geschaffen, das Versicherer zwingt, ihre Risiken detailliert zu quantifizieren. Die Kalkulationsmodelle sind zweifellos ausgefeilt, doch ihre Aussagekraft stößt an Grenzen. Denn Solvabilität sagt wenig darüber aus, wie ein Versicherer langfristig garantierte Leistungen erwirtschaften kann. Genau das aber ist der Kern des Lebensversicherungsversprechens.
Sven Enger weist darauf hin, dass Solvency II „ein mathematisches Korsett geschaffen hat, das Stabilität suggeriert, wo eigentlich strukturelle Schwächen liegen“. Versicherer bestehen die Aufsichtstests häufig deshalb, weil ihre Bewertungsmodelle politische Übergangsregeln beinhalten, die Belastungen in die Zukunft verschieben. Doch die Zukunft ist endlich, und die Verpflichtungen bleiben.
Vor diesem Hintergrund entfaltet die Rückabwicklung eine systemische Bedeutung. Wenn Verträge rückabgewickelt werden und Versicherer Beiträge plus Nutzungsersatz zurückzahlen müssen, trifft dies die Kapitaldecke unmittelbar. Enger spricht davon, dass Rückabwicklungen „wie einzelne Steine aus einem Damm gelöst werden“. Jeder Stein für sich ist nicht dramatisch. Aber in der Summe kann ein System unter dem Druck seiner eigenen Struktur zusammenbrechen.
Juristisch betrachtet bedeutet dies: Die Branche ist zwar reguliert, aber nicht stabilisiert. Die Rückabwicklung zeigt die Stellen, an denen das Modell seine Grenzen erreicht hat: Transparenz, Kostenbelastung und Garantielogik.
Politik und Verantwortung – Wer schützt den Verbraucher?
Die deutsche Altersvorsorge ruht auf drei Säulen: gesetzliche Rente, betriebliche Altersvorsorge und private Vorsorge. Doch alle drei Systeme geraten unter Druck. Die gesetzliche Rentenkasse steht vor einer demografischen Herausforderung historischen Ausmaßes. Die betriebliche Altersvorsorge hängt maßgeblich von der wirtschaftlichen Stabilität der Unternehmen ab. Und die private Vorsorge, insbesondere die Lebensversicherung, verliert an realer Wertschöpfung.
Vor diesem Hintergrund steht die Politik vor einer grundlegenden Frage: Soll sie das Lebensversicherungsmodell retten, modernisieren oder ersetzen? Bislang bleibt die Antwort unklar. Doch die Realität zwingt zur Bewegung.
Sven Enger betont, dass die Politik „über Jahrzehnte ein Produkt protegiert hat, das sie heute weder juristisch noch ökonomisch verteidigen kann“. Das Dilemma besteht darin, dass die Politik die Verantwortung trägt, Bürger zu schützen, aber gleichzeitig eine Branche stützen möchte, deren Geschäftsmodell zunehmend unter wirtschaftlichem Druck steht. Zwischen Verbraucherschutz und Branchenlobby liegt ein Spannungsfeld, das die Rückabwicklung zusätzlich auflädt.
Die juristische Perspektive ist hier eindeutig: Wo die Politik untätig bleibt, handeln die Gerichte. Das war im Widerrufsrecht so, das war im Policenmodell so, und es wird im Bereich der Rückabwicklung so bleiben. Wenn ein System strukturell irreführend oder wirtschaftlich unzumutbar wird, dann setzt das Recht Grenzen. Das ist kein Angriff auf die Branche, sondern ein notwendiger Ausgleich.

Strategische Schwäche und strukturelle Brisanz – die Lebensversicherung im Jahr 2026
Die Branche steht heute in einem Paradoxon: Sie verwaltet mehr Vermögen denn je, aber ihre Zukunft war selten unsicherer. Die Kapitalanlagevolumina großer Lebensversicherer liegen im Billionenbereich, doch die Rendite, die sie erzielen, reicht kaum aus, um historische Garantien zu bedienen.
Gleichzeitig wächst das Bewusstsein der Verbraucher. Die Digitalisierung, die Verfügbarkeit unabhängiger Informationen und das zunehmende Misstrauen gegenüber intransparenten Modellen führen dazu, dass immer mehr Versicherte ihre Verträge überprüfen lassen. Rückabwicklungen steigen – nicht nur wegen juristischer Fehler, sondern weil der wirtschaftliche Sinn der Verträge infrage gestellt wird.
Sven Enger bezeichnet diese Entwicklung als „informierten Umbruch“, einen tiefgreifenden Wandel, der die Position der Verbraucher radikal stärkt. Immer mehr Menschen sind heute in der Lage, ihre Lebensversicherungsverträge realistisch einzuordnen und zu erkennen, dass sie mit ETFs oder anderen kapitalmarktbasierten Anlagen über Jahrzehnte oft deutlich bessere Ergebnisse erzielt hätten. Dieser nüchterne Erkenntnisgewinn verwandelt die Rückabwicklung von einem vermeintlich emotionalen Befreiungsakt zu einem betont rationalen Schritt, der auf ökonomischer Vernunft beruht. Damit setzt ein dynamischer Prozess ein, der die gesamte Branche verändert: Mehr Wissen erzeugt mehr Fragen, mehr Fragen führen zu mehr Prüfungen, mehr Prüfungen münden in mehr Rückabwicklungen und jede erfolgreiche Rückabwicklung erhöht spürbar den Druck auf die Versicherer, ihre Modelle, Kostenstrukturen und Transparenzstandards grundlegend zu überdenken.
Juristisch bildet sich hier ein klassisches Muster ab: Wenn ein Markt nicht mehr durch Eigenkorrektur stabil bleibt, übernimmt das Recht die Korrekturfunktion. Und genau an diesem Punkt steht die Lebensversicherung heute.
Die Zukunft der Altersvorsorge – was kommt nach der Lebensversicherung?
Unter Fachleuten ist man sich einig: Die Altersvorsorge der Zukunft wird diversifizierter sein. Produkte mit garantierten Leistungen verlieren an Bedeutung, während kapitalmarktorientierte Lösungen wachsen. Doch auch diese Entwicklung ist nicht frei von Risiken. Der Vorteil kapitalmarktbasierten Sparens liegt in der höheren Renditechance, der Nachteil in der Unsicherheit der Märkte.
Die Rolle der Lebensversicherung wird sich daher neu definieren. Sie könnte vom Garantiesystem zum hybriden Risikomanager werden. Doch dafür müsste sie Transparenz schaffen, Kosten senken und ihre Versprechen an die ökonomische Realität anpassen. Sven Enger sieht hier eine Chance: „Wenn die Branche bereit ist, ihre historische Rolle loszulassen, kann sie eine neue finden. Aber das erfordert Mut, und das Recht zwingt sie gerade, diesen Mut aufzubringen.“
Juristisch gesehen bedeutet dies, dass sich die Rückabwicklung nicht nur auf Altverträge beschränkt, sondern die Branche zwingt, modernere, transparentere und nachhaltigere Produkte zu entwickeln. Die Zukunft der Altersvorsorge ist keine Frage der Finanzmathematik allein, sondern eine des Rechts, der Politik und des Marktes im Zusammenspiel.
Fazit – Ein System vor der Neuordnung
Diese Entwicklungen zeigen deutlich, dass die Lebensversicherung an einer historischen Schwelle steht. Die Kombination aus ökonomischem Druck, politischer Unsicherheit und juristischer Strenge erzeugt eine systemische Spannung, die langfristig nicht ohne strukturelle Reform lösbar ist.
Die Rückabwicklung ist nicht die Ursache dieser Krise. Sie ist der Katalysator, der sichtbar macht, was lange unsichtbar war: ein System, das auf Versprechen beruht, die sich mit den heutigen Marktbedingungen kaum noch vereinbaren lassen.
Mit der Expertise von Sven Enger wird klar: Die Branche steht nicht vor einer evolutionären Anpassung, sondern möglicherweise vor einer echten Neuordnung.
Dr. Rainer Schreiber
Dozent, Erwachsenenbildung & Personalberater
Über den Autor:
Personalberater und Honorardozent Dr. Rainer Schreiber, mit Studium der Wirtschaftswissenschaften mit den Schwerpunkten Finanzierung, Controlling, Personal- und Ausbildungswesen. Der Blog schreiber-bildung.de bietet Themen rund um Bildung, Weiterbildung und Karrierechancen. Sein Interesse liegt in der beruflichen Erwachsenenbildung und er publiziert zum Thema Personalberatung, demografischer Wandel und Wirtschaftspolitik.
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