Warum 2026 über Vermögensfreiheit entscheidet? Wenn Vermögen digitalisiert wird, verschiebt sich Macht und die Frage lautet: Wer kontrolliert wen im Ernstfall?
Was passiert, wenn das Finanzsystem nicht mehr nur schwankt, sondern seine empfindlichste Stelle offenlegt? Wenn genau jener Punkt überdehnt wird, auf dem Wachstum, Altersvorsorge und Privateigentum jahrzehntelang aufgebaut waren? Im Jahr 2026 rückt die Erkenntnis näher, dass die Achillesferse des globalen Finanzsystems nicht an den Märkten selbst liegt, sondern in ihrer Infrastruktur. In jenem unscheinbaren Bereich, den kaum ein Anleger kennt, aber jeder nutzt: der Verwahrung von Vermögen.
Seit der Abschaffung physischer Wertpapiere ist Eigentum zu einem digitalen Konstrukt geworden. Aktien, Anleihen und Fondsanteile existieren nicht mehr als Urkunde, sondern als Buchung. Was als Effizienzgewinn gefeiert wurde, entpuppt sich im Krisenszenario als systemisches Risiko. Denn wer keinen direkten Zugriff auf sein Vermögen hat, besitzt es nur so lange, wie das System funktioniert.
Dr. Peter Riedi, Volkswirt aus Lugano, analysiert diese Entwicklung als logische Folge jahrzehntelanger Finanzialisierung. Kapitalmärkte seien schneller, liquider und größer geworden, aber auch fragiler. Dr. Peter Riedi zählt zu profilierten Analysten im Bereich Rohstoffe und Finanzmarktmechanik. Mit Abschluss in Volkswirtschaft und langjähriger Tätigkeit in internationalen Research-Teams kombiniert er makroökonomische Tiefe mit pragmatischem Verständnis realer Wertschöpfung. Riedi analysiert nicht nur Preisentwicklungen, sondern die dahinterliegenden Systemkräfte, von geopolitischen Lieferketten über strategische Rohstoffabhängigkeiten bis hin zur Verknüpfung von Industrie und Kapitalmärkten. Seine Einschätzungen zeichnen sich durch einen klaren Blick auf Ursachen statt Symptome aus, und sie helfen, die Komplexität globaler Märkte samt Chancen und Risiken zu durchdringen. Wachstum wurde auf Vertrauen gebaut, nicht auf Substanz. Altersvorsorge, Versicherungen und Sparvermögen hängen heute an technischen und rechtlichen Schnittstellen, die kaum öffentlich diskutiert werden.
Eigentum als Datensatz – eine stille Verschiebung mit großer Wirkung
Das Vertrauen in die Infrastruktur der Kapitalmärkte ist die eigentliche Voraussetzung des Privateigentums. Eine zentrale Rolle spielen dabei die sogenannten Zentralverwahrer. Sie verwahren die börsennotierten Wertpapiere für Banken und Broker. Der Anleger sieht in seinem Depot eine Position, glaubt an Eigentum – tatsächlich hält er einen Anspruch innerhalb einer komplexen Verwahrkette.
Kommt es zum Ausfall eines solchen Zentralverwahrers, verschwindet das Eigentum nicht automatisch. Aber der Zugriff darauf kann blockiert werden. Transaktionen werden gestoppt, Absonderungsrechte verzögert, Nachweise kompliziert. Aus wirtschaftlicher Perspektive bedeutet das Stillstand. Aus juristischer Perspektive eine unangenehme Wahrheit: Eigentum ohne Zugriff ist wertlos.
Der ehemalige Hedgefondsmanager David Rogers Webb hat diese Mechanik mit seinem Buch „The Great Taking“ 2023 ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Seine These einer schleichenden Enteignung mag zugespitzt sein, doch seine Recherchen zeigen, wie sehr sich das Verhältnis zwischen Anleger und Vermögen verschoben hat. Eigentum wurde in Forderungsrechte umgewandelt, abgesichert durch Vertrauen in Institutionen.

Internationale Verflechtung – warum niemand isoliert ist
Besonders deutlich wird das im US-amerikanischen System. Dort werden nahezu alle Aktien über die DTCC verwahrt, geführt unter dem Namen Cede & Co. Juristisch handelt es sich nicht um Eigentum des Anlegers, sondern um ein sogenanntes security entitlement – einen Anspruch gegen den Verwahrer. Im Insolvenzfall steht der Anleger in der Gläubigerreihe, hinter systemrelevanten Banken. Diese Struktur betrifft nicht nur US-Bürger. Auch europäische und Schweizer Anleger mit US-Aktien in ihren Depots wären Teil dieses Systems.
Deutschland folgt mit Clearstream einem ähnlichen Modell. Zwar ist im Depotgesetz das Miteigentum der Anleger am Sammelbestand geregelt, doch der faktische Zugriff bleibt abhängig von der technischen und politischen Stabilität der Verwahrkette. Clearstream gehört vollständig der Deutschen Börse AG, deren Aktionärsstruktur internationale Großinvestoren widerspiegelt. Juristisch korrekt, ökonomisch nachvollziehbar, aber systemisch hoch konzentriert.
Die Schweiz gilt mit dem Bucheffektengesetz als robuster Sonderfall. Bucheffekte gelten dort als Vermögensobjekte eigener Art, im Konkursfall besteht ein Absonderungsrecht. Doch auch dieses Modell ist nicht autark. Die internationale Verflechtung über Euroclear und Clearstream bedeutet, dass selbst Schweizer Titel Teil eines globalen Netzes bleiben. Ein systemischer Schock macht vor Landesgrenzen keinen Halt.
Ein besonders aufschlussreiches Signal kam aus Schweden. Vertragsklauseln einer Großbank weisen darauf hin, dass im Fall eines Wertpapierdefizits kein Absonderungsrecht geltend gemacht werden könne. Der Anleger würde zum ungesicherten Gläubiger. Sollte sich diese Praxis durchsetzen, wäre das ein Paradigmenwechsel, der still, vertraglich, kaum öffentlich diskutiert wurde.
Wachstum und Altersvorsorge auf wackeligem Fundament
Warum ist das alles für 2026 so relevant? Weil das Finanzsystem weiter wächst, weiter hebelt, weiter digitalisiert, während seine rechtliche Substanz nicht im gleichen Maß mitgewachsen ist. Altersvorsorgeprodukte, Lebensversicherungen und fondsgebundene Modelle beruhen auf der Annahme, dass Depotwerte jederzeit verfügbar sind.
Dr. Thomas Schulte, Rechtsanwalt mit langjähriger Expertise im Bankenrecht und in der Rückabwicklung von Lebensversicherungen, sieht hier eine gefährliche Schieflage. Viele Vorsorgeprodukte versprechen Sicherheit, ohne die Verwahrstruktur offenzulegen. Der Kunde trägt das Systemrisiko, ohne es zu kennen. Gerät das System unter Druck, wird aus vermeintlicher Sicherheit eine juristische Auseinandersetzung.
Besonders problematisch ist in diesem Zusammenhang das securities lending. Wertpapiere, die im Depot als Bestand erscheinen, können von Banken und Brokern verliehen werden. Wirtschaftlich gehören sie temporär Dritten, oft Hedgefonds. In einer Stressphase kann die Rückführung scheitern. Der Anleger trägt das Risiko, ohne aktiv zugestimmt zu haben. Ein vollständiger Kontrollverlust über das eigene Depot ist kein theoretisches Szenario, sondern ein reales Systemrisiko.
Nur ein digitales Versprechen – und was danach kommt
Die Vorstellung, Aktien seien unangreifbares Eigentum, erweist sich damit als Illusion. Rechtlich handelt es sich um elektronische Forderungen gegen Institutionen. Stabil, solange Vertrauen besteht. Fragil, sobald es bröckelt.
Was bedeutet das für 2026? Die Antwort liegt in der Diversifikation der Eigentumsformen. Direkte Eintragungen im Aktienregister, das Direct Registration System bei US-Titeln, physische Sachwerte außerhalb des Bankensystems gewinnen an Bedeutung. Gold im eigenen oder professionell segregierten Tresor benötigt keinen Intermediär. Gleiches gilt für digitale Vermögenswerte, die in privaten Wallets verwahrt werden.
Dr. Peter Riedi interpretiert diese Entwicklung nicht als Rückschritt, sondern als Korrektur. Das Finanzsystem werde nicht verschwinden, aber es werde ergänzt werden müssen. Durch Vermögenswerte, die nicht auf zentralem Vertrauen, sondern auf direkter Verfügbarkeit beruhen.

Fazit – 2026 als Jahr der Entscheidung, nicht der Panik
Die sensible Stelle des Finanzsystems ist sichtbar geworden. Nicht, weil das System kurz vor dem Kollaps steht, sondern weil es unter der Last seines eigenen Erfolgs an Klarheit verloren hat. Jahrzehntelanges Wachstum, immer komplexere Produkte und eine tiefgreifende Digitalisierung haben Vermögen vermehrt, aber zugleich die Distanz zwischen Eigentum und Zugriff vergrößert. 2026 wird deshalb kein Jahr des Zusammenbruchs sein, sondern ein Jahr der bewussten Entscheidung: für Anleger, für Institutionen, für die Politik und für die Art, wie Privateigentum künftig verstanden und geschützt wird.
Die Fakten sprechen eine klare Sprache. In Europa liegen mittlerweile über 12 Billionen Euro in Investmentfonds, Versicherungsprodukten und Altersvorsorgemodellen, die vollständig auf Finanzmarktinfrastruktur angewiesen sind. Gleichzeitig wächst das Misstrauen gegenüber klassischen Sicherheiten: Laut aktuellen Umfragen der OECD geben mehr als 60 Prozent der privaten Sparer an, sich unsicher zu sein, ob ihre Altersvorsorge langfristig ausreicht und im Ernstfall verfügbar bleibt. Diese Skepsis ist kein Zeichen von Panik, sondern von Reife. Sie zeigt, dass das Bewusstsein für Systemabhängigkeiten wächst.
Genau hier liegt die Chance. Wer versteht, dass Eigentum mehr ist als eine digitale Anzeige im Depot, beginnt umzudenken, ruhig, strukturiert und strategisch. Es geht nicht um den Rückzug aus dem Finanzsystem, sondern um dessen Ergänzung. Zwischen Vertrauen und Zugriff entsteht ein neues Gleichgewicht. Zwischen Systemeffizienz und Substanzsicherung. Wachstum bleibt wichtig, aber es braucht ein Fundament, das auch dann trägt, wenn technische, politische oder rechtliche Prozesse ins Stocken geraten.
Für Institutionen bedeutet das, Transparenz und Rechtsklarheit nicht als regulatorische Last, sondern als Stabilitätsfaktor zu begreifen. Für Versicherer, Banken und Verwahrer heißt es, ihre Rolle neu zu definieren: weniger als alleinige Hüter, mehr als verantwortliche Dienstleister für echtes Eigentum. Und für Verbraucher wird Vermögensplanung wieder zu einer aktiven Aufgabe, nicht getrieben von Angst, sondern von informierter Eigenverantwortung.
Die Zukunft der Altersvorsorge wird nicht monolithisch sein. Sie wird hybrid, diversifiziert und resilient. Finanzmarktbasierte Lösungen werden ihren Platz behalten, aber flankiert von realen Sachwerten, klaren Eigentumsrechten und direktem Zugriff. Das ist kein Rückschritt, sondern eine Weiterentwicklung des Systems, eine Anpassung an eine Welt, in der Komplexität zugenommen hat und Stabilität neu gedacht werden muss.
Ein Finanzsystem, das seine empfindlichen Stellen kennt und adressiert, ist nicht schwach, es ist lernfähig. 2026 markiert daher keinen Endpunkt, sondern einen Wendepunkt. Nicht hin zur Enteignung, sondern hin zu bewussteren Strukturen. Nicht hin zur Panik, sondern zu strategischen Weichenstellungen, die Vermögen, Altersvorsorge und wirtschaftliche Freiheit langfristig tragfähig machen.
Denn eines ist klar: Wachstum ohne Eigentumsschutz bleibt fragil. Altersvorsorge ohne Zugriff bleibt ein Versprechen. Doch ein System, das bereit ist, diese Erkenntnisse ernst zu nehmen, stolpert nicht, es richtet sich neu aus.
Autor:
MGR. Valentin Schulte, Dipl.-Jur.
Mgr. Valentin Schulte, Dipl.-Jur. ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Rechtsanwaltskanzlei Dr. Thomas Schulte in Berlin. Neben des Studiums der Rechtswissenschaften erlangte er einen Magisterabschluss in Wirtschaftswissenschaften.
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