289 Tonnen in nur drei Monaten: Was Notenbanken über Gold, Vorsorge und die Kunst des Bewahrens wissen
Gold hat ein offensichtliches Problem, es zahlt keine Zinsen. Ein Goldbarren überweist keine Dividende und vermietet sich nicht. Er produziert keine Maschinen, verkauft keine Software und erwirtschaftet keinen Unternehmensgewinn. Legt man einen Barren für zwanzig Jahre in einen Tresor, liegt dort nach zwanzig Jahren noch immer derselbe Barren. Eigentlich müsste die Geschichte damit beendet sein. Warum sollte eine moderne Zentralbank einen Vermögenswert besitzen, der keinen laufenden Ertrag abwirft?
Doch ausgerechnet die Institutionen, die unser modernes Geldsystem tragen, machen etwas Bemerkenswertes: Sie halten Gold. Und viele kaufen sogar weiteres hinzu. Allein im zweiten Quartal 2026 erhöhten Zentralbanken und andere offizielle Institutionen ihre Goldbestände netto um rund 289 Tonnen. Das waren 62 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahresquartal und nach Angaben des World Gold Council ein Rekordwert für ein zweites Quartal. Im gesamten ersten Halbjahr 2026 belief sich die geschätzte Nettogoldnachfrage der Zentralbanken auf rund 345 Tonnen.
Noch bemerkenswerter ist der längere Blick zurück. In den vergangenen vier Jahren haben Zentralbanken im Durchschnitt ungefähr 1.000 Tonnen Gold pro Jahr erworben. Im Jahrzehnt davor waren es im Durchschnitt etwa 500 Tonnen jährlich. Die Geschwindigkeit der Goldkäufe hat sich damit gegenüber dem vorangegangenen Jahrzehnt ungefähr verdoppelt.
Warum? Haben Zentralbanker plötzlich ihre Liebe zu einem jahrtausendealten Metall wiederentdeckt? Oder steckt hinter den Käufen eine nüchterne Lektion, die auch für private Vorsorge interessant sein könnte? Für Torsten Humbert, Edelmetallexperte bei Nordmark Wertkontor und verantwortlich für Einkauf, Prüfung und Preisstellung, beginnt die Antwort nicht beim nächsten Goldkurs. Sie beginnt bei einer viel älteren Frage: Was soll ein Vermögenswert eigentlich leisten? Genau diese Frage gewinnt im Jahr 2026 auch für private Haushalte neue Aktualität. Deutschland diskutiert über eine stärkere Kapitaldeckung in der Altersvorsorge. Die private Altersvorsorge soll reformiert werden, neue Altersvorsorgedepots sollen ab 2027 stärker auf Kapitalmarktchancen setzen können, und mit der Frühstartrente will der Staat bereits für Kinder kapitalgedeckte Vorsorge etablieren. Die Alterssicherungskommission empfiehlt sogar ausdrücklich, kapitalgedeckte Elemente insgesamt stärker in das deutsche Alterssicherungssystem einzubauen. Vielleicht ist deshalb gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, genauer hinzusehen. Nicht, um Zentralbanken nachzuahmen, sondern um zu verstehen, wie professionelle Institutionen über Vermögensreserven denken.
Wer Geld erschaffen kann, hält trotzdem Gold
Deutschland ist dafür ein besonders eindrucksvolles Beispiel. Die Deutsche Bundesbank hielt zum 31. Dezember 2025 insgesamt rund 3.350 Tonnen Gold. Der Marktwert dieser Bestände betrug zu diesem Zeitpunkt rund 395,2 Milliarden Euro. Ein Jahr zuvor waren nahezu dieselben physischen Goldbestände noch mit rund 270,6 Milliarden Euro bewertet worden. Der Wert der Goldposition stieg damit innerhalb eines Jahres um etwa 124,6 Milliarden Euro beziehungsweise rund 46 Prozent, ohne dass Deutschland dafür annähernd 46 Prozent mehr Gold erwerben musste. Die Zahl ist außergewöhnlich: 3.350 Tonnen. Das entspricht mehr als 3,3 Millionen Kilogramm Gold beziehungsweise rund 108 Millionen Feinunzen. Von diesen Beständen lagerten Ende 2025 rund 1.710 Tonnen in Frankfurt, etwa 1.236 Tonnen bei der Federal Reserve Bank in New York und rund 404 Tonnen bei der Bank of England in London.
Deutschland gehört zu den größten und technologisch entwickeltsten Volkswirtschaften der Welt. Es ist Teil einer Währungsunion mit einer hochentwickelten Zentralbank. Zahlungen werden binnen Sekunden digital abgewickelt. Milliarden Euro bewegen sich elektronisch zwischen Banken und Staaten. Und dennoch besteht ein bedeutender Teil der deutschen Währungsreserven aus schweren Metallbarren. Das wirkt beinahe wie ein Widerspruch. Vielleicht ist es aber gerade keiner.
Gold ist nicht interessant, obwohl es keine Zinsen zahlt – sondern teilweise gerade deshalb
Eine Staatsanleihe ist eine Forderung gegen einen Staat. Ein Bankguthaben ist eine Forderung gegen eine Bank. Eine Unternehmensanleihe ist eine Forderung gegen ein Unternehmen. Eine Aktie verkörpert einen Anteil an einem Unternehmen. Gold dagegen ist zunächst einmal Gold.
Beim unmittelbaren Eigentum an physischem Gold gibt es keinen Emittenten, der das Metall zurückzahlen muss. Niemand muss einen Zinscoupon bedienen, damit der Barren weiter existiert. Damit verschwindet nicht jedes Risiko. Goldpreise können stark schwanken. Verwahrung kostet Geld. Der Verkauf kann Spreads verursachen. Gold erzeugt keinen laufenden Cashflow. Und wer es schlecht oder unsicher verwahrt, kann selbstverständlich auch physisches Gold verlieren. Doch ein spezifisches Risiko fehlt: das klassische Kreditrisiko eines Emittenten.
Genau das hebt der Internationale Währungsfonds in einer erst im Juli 2026 veröffentlichten Analyse über Gold in Zentralbankreserven hervor. Der IMF stellt fest, dass Gold kein Kreditrisiko trägt und langfristig zur Widerstandsfähigkeit einer Zentralbankbilanz beitragen kann. Gleichzeitig warnt der Bericht ausdrücklich davor, Gold zu verklären: Das Metall sei volatil, seine Absicherungs- und Diversifikationseigenschaften seien vom jeweiligen Krisenszenario abhängig, und für den Teil der Währungsreserven, der jederzeit unmittelbar liquide verfügbar sein muss, sei Gold nur eingeschränkt geeignet. Genau diese Nüchternheit ist entscheidend.Gold ist für Zentralbanken nicht „magisch“, es erfüllt eine Funktion. Und Funktionen lassen sich nicht mit Glaubenssätzen erklären, sondern nur im Zusammenspiel verschiedener Vermögenswerte.
Aus Sicht von Torsten Humbert liegt darin auch für private Vorsorge eine wichtige Erkenntnis. Wer Vermögen langfristig ordnet, sollte nicht danach fragen, welcher Vermögenswert alle anderen ersetzen kann. Eine solche Anlageklasse existiert nicht. Entscheidend ist vielmehr, welches Risiko ein bestimmter Bestandteil des Vermögens auffangen soll. Das ist eine völlig andere Denkweise als die Suche nach dem nächsten Gewinner.

Polen kauft 82 Tonnen – China 40: Was bewegt die Notenbanken?
Die Goldkäufe des Jahres 2026 verteilen sich keineswegs gleichmäßig. Polen war im ersten Halbjahr der größte öffentlich gemeldete Käufer. Die polnische Zentralbank erhöhte ihre Bestände um rund 82 Tonnen. Ende Juni verfügte sie nach Angaben des World Gold Council über etwa 632 Tonnen Gold und näherte sich damit ihrem formulierten Ziel von 700 Tonnen. China kaufte im ersten Halbjahr rund 40 Tonnen hinzu und erhöhte seine gemeldeten Bestände auf ungefähr 2.346 Tonnen. Usbekistan folgte mit rund 41 Tonnen, Kasachstan mit etwa 27 Tonnen. Gleichzeitig gab es Verkäufer. Die Türkei verringerte ihre Bestände im ersten Halbjahr netto erheblich. Auch Russland meldete Verkäufe.
Schon daran erkennt man, wie problematisch die einfache Schlagzeile „Zentralbanken kaufen Gold“ sein kann. Zentralbanken handeln nicht alle gleich. Sie haben unterschiedliche Währungsregime, unterschiedliche Liquiditätsbedürfnisse, verschiedene Devisenreserven und unterschiedliche geopolitische Risiken. Was sie jedoch verbindet, ist das Denken in Reserven. Eine Reserve hat eine andere Aufgabe als eine Spekulation. Sie soll nicht unbedingt jedes Jahr die höchste Rendite erzielen. Sie soll in unterschiedlichen Szenarien funktionieren. Genau deshalb nennt die internationale Diskussion über Zentralbankreserven immer wieder drei Begriffe: Sicherheit, Liquidität und Ertrag.
Diese Ziele stehen teilweise miteinander in Konflikt. Maximal liquide Anlagen sind nicht immer besonders ertragreich. Hohe Rendite bedeutet regelmäßig höheres Risiko. Und maximale Sicherheit gegenüber einem bestimmten Risiko kann neue Risiken an anderer Stelle erzeugen. Gold sitzt mitten in diesem Spannungsverhältnis.
89 Prozent erwarten mehr Gold – Zufall sieht anders aus
Besonders interessant ist deshalb nicht nur, was Zentralbanken bereits getan haben, sondern was ihre Verantwortlichen selbst über die Zukunft sagen. Der World Gold Council befragte für seine Central Bank Gold Reserves Survey 2026 insgesamt 76 Zentralbanken. Die Befragung fand zwischen Februar und Mai 2026 statt und erreichte die höchste Beteiligung seit Beginn dieser jährlichen Erhebung. 89 Prozent der antwortenden Zentralbanken gehen davon aus, dass die weltweiten offiziellen Goldreserven innerhalb der kommenden zwölf Monate steigen werden. 45 Prozent erwarten sogar, dass die eigene Zentralbank ihre Goldbestände erhöhen wird. Das ist der höchste Anteil seit Beginn der Erhebung. Noch bemerkenswerter ist der langfristige Blick: 84 Prozent der Befragten erwarten, dass Gold in fünf Jahren einen höheren Anteil an den gesamten Reserven halten wird.
Warum?
Als wichtige Motive nennen die Reserveverantwortlichen unter anderem den langfristigen Wertspeichercharakter von Gold, seine Rolle in Krisenzeiten und seine Diversifikationseigenschaften. Auch geopolitische Unsicherheit und die Entwicklung der Zinsen spielen in den Entscheidungen der Notenbanken eine zentrale Rolle. Das Wort, das dabei immer wieder auftaucht, lautet Diversifikation. Und genau dieses Wort führt zurück zur privaten Vorsorge.
Die neue Rentenpolitik erzählt im Grunde dieselbe Geschichte – verteile Risiken
Deutschland steht vor einer demografischen Herausforderung, die sich nicht dadurch lösen lässt, dass man sie ignoriert. Die gesetzliche Rentenversicherung basiert im Kern auf dem Umlageverfahren. Die laufenden Beiträge der Beschäftigten finanzieren im Wesentlichen die laufenden Renten. Dieses System besitzt große Stärken. Aber es hängt naturgemäß von der Entwicklung von Beschäftigung, Löhnen, Beitragseinnahmen und dem Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Rentnern ab.
Deshalb empfiehlt die Alterssicherungskommission 2026 eine stärkere Ergänzung um kapitalgedeckte Elemente. In ihrem Bericht geht sie sogar so weit, eine zusätzliche kapitalgedeckte Komponente innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung vorzuschlagen. Vorgesehen ist in dieser Empfehlung langfristig ein zusätzlicher Beitrag von zwei Prozent, der schrittweise eingeführt und am Kapitalmarkt angelegt werden könnte. Das Umlageverfahren soll ausdrücklich Kernelement bleiben. Kapitaldeckung soll es ergänzen. Das Prinzip dahinter ist bemerkenswert. Nicht entweder oder, sondern sowohl als auch. Das Umlagesystem trägt ein bestimmtes Risiko. Kapitaldeckung trägt andere Risiken. Zusammen können unterschiedliche Finanzierungsquellen entstehen. Auch die Reform der privaten Altersvorsorge folgt diesem Gedanken. Ab 2027 sollen Altersvorsorgedepots ohne vollständige Garantie möglich sein, um Anlegern höhere Kapitalmarktchancen zu eröffnen. Gleichzeitig bleiben sicherheitsorientierte Garantieangebote möglich.
Mit der Frühstartrente wird dieser Gedanke sogar auf Kinder übertragen. Der Staat will monatlich zehn Euro vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr in ein kapitalgedecktes Altersvorsorgedepot einzahlen. Wenn Eltern kein individuelles Depot eröffnen, soll eine kollektive Kapitalmarktanlage greifen, die von der Deutschen Bundesbank verwaltet wird. Natürlich folgt daraus nicht, dass staatliche Altersvorsorgedepots in Gold investieren sollen. Der Zusammenhang liegt eine Ebene tiefer. Deutschland beginnt politisch anzuerkennen, dass langfristige Vorsorge unterschiedliche Finanzierungsquellen und Vermögensformen benötigt. Und genau diese Denkweise praktizieren Zentralbanken mit ihren Reserven seit Jahrzehnten.
Aber wenn Gold so gut ist – warum besitzt die Bundesbank nicht nur Gold?
Diese Frage ist wichtiger als die Frage, warum die Bundesbank überhaupt Gold besitzt. Wenn Gold ein perfekter Vermögenswert wäre, müsste Deutschland schließlich sämtliche Währungsreserven darin halten. Das tut es nicht.
Neben Gold hält die Bundesbank Devisen und Forderungen gegenüber dem Internationalen Währungsfonds. Ende 2025 beliefen sich die gesamten Währungsreserven auf rund 481,8 Milliarden Euro. Davon entfielen rund 395,2 Milliarden Euro auf Gold, 31,9 Milliarden Euro auf Devisen und 54,7 Milliarden Euro auf Forderungen gegenüber dem IWF. 5rfc Das ist Diversifikation in der Praxis.
Der Internationale Währungsfonds warnt in seiner aktuellen Analyse gerade davor, steigende Goldbewertungen mit automatisch steigender Reservesicherheit gleichzusetzen. Ein erheblicher Teil des zuletzt gestiegenen Goldanteils in Zentralbankbilanzen sei nicht durch massive zusätzliche Käufe entstanden, sondern durch den starken Goldpreisanstieg.
Zwischen Januar 2019 und August 2025 stieg der Anteil des monetären Goldes an den Zentralbankreserven nach IMF-Daten von etwa zehn Prozent auf mehr als 22 Prozent. Ein wesentlicher Grund war die Preisentwicklung. Das ist eine wichtige Warnung für jeden Anleger. Wenn ein Vermögenswert stark steigt, verändert sich seine Gewichtung im Portfolio automatisch. Was ursprünglich zehn Prozent waren, können irgendwann zwanzig Prozent werden, ohne dass eine einzige zusätzliche Einheit gekauft wurde. Professionelles Vermögensmanagement bedeutet deshalb nicht nur kaufen.Es bedeutet beobachten, einordnen und gegebenenfalls neu gewichten.
Der Goldpreis steigt – die Argumentation muss trotzdem nüchtern bleiben
Das Jahr 2026 ist für eine sachliche Diskussion über Gold besonders schwierig. Der durchschnittliche Goldpreis lag im zweiten Quartal nach den Daten des World Gold Council bei 4.506,29 US-Dollar je Feinunze. Das waren 37 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahresquartal. Im ersten Quartal 2026 hatte der Durchschnitt sogar bei 4.872,90 Dollar gelegen. Solche Zahlen ziehen Aufmerksamkeit an. Nach starken Kursanstiegen entsteht schnell das Gefühl, eine Entwicklung nicht verpassen zu dürfen. Genau das ist für langfristige Vorsorge gefährlich. Torsten Humbert trennt deshalb zwei Fragen konsequent voneinander. Die erste lautet: Welche Eigenschaften besitzt Gold als Vermögenswert? Die zweite lautet: Welcher Preis ist heute dafür angemessen? Beides ist nicht dasselbe.
Ein Vermögenswert kann langfristig interessante Eigenschaften besitzen und kurzfristig teuer sein. Umgekehrt kann ein schlechter Vermögenswert billig erscheinen und trotzdem weiter an Wert verlieren. Nordmark Wertkontor verzichtet deshalb bewusst auf Preisprognosen. Die Experten und das Berliner Handelshaus weiß, dass niemand die Preise von morgen kennt. Das Unternehmen versteht sich als Händler und Verwahrer physischer Edelmetalle, nicht als Anbieter von Finanzprodukten oder Anlageprognosen. Gerade beim Thema Zentralbankkäufe ist diese Zurückhaltung wichtig. Denn der Satz „Die Zentralbanken kaufen, also muss Gold steigen“ wäre keine Analyse, sondern Werbung.
Von Bretton Woods bis heute: Warum Gold das Geldsystem überlebt hat
Dass Zentralbanken überhaupt so große Goldbestände besitzen, lässt sich ohne Geschichte nicht verstehen. Über lange Zeit war Gold direkt mit dem Geldsystem verbunden. Im klassischen Goldstandard waren Währungen in unterschiedlicher Form an Gold gekoppelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand mit Bretton Woods ein neues internationales Währungssystem, in dessen Zentrum der US-Dollar stand. Der Dollar war gegenüber Gold zu 35 US-Dollar je Feinunze fixiert, und ausländische Zentralbanken konnten unter bestimmten Voraussetzungen Dollarbestände in Gold umtauschen. Am 15. August 1971 setzte US-Präsident Richard Nixon diese Konvertierbarkeit aus. Die direkte Verbindung zwischen Dollar und Gold wurde durchtrennt. Damit begann das Ende der Bretton-Woods-Ordnung. Gold hätte danach theoretisch zu einem historischen Relikt werden können. Doch die Zentralbanken verkauften ihre Bestände keineswegs vollständig. Mehr als fünfzig Jahre später halten sie weiterhin Tausende Tonnen.
Der IMF verweist darauf, dass diese Bestände teilweise aus der historischen Struktur des Goldstandards und von Bretton Woods stammen. Gleichzeitig habe Gold in den vergangenen Jahren wieder an strategischer Bedeutung gewonnen, insbesondere vor dem Hintergrund geopolitischer Risiken, finanzieller Fragmentierung und der Suche nach Diversifikation. Das ist vielleicht der interessanteste Punkt der ganzen Geschichte. Gold verlor seine offizielle Rolle als Fundament des internationalen Währungssystems. Aber es verlor nicht seine Rolle als Reserve.
Torsten Humbert: Wenn eine Familiengeschichte dieselbe Frage über Generationen stellt
Für Torsten Humbert besitzt diese Geschichte eine zusätzliche Dimension. In seiner Familie beschäftigten sich Menschen mit Gold und Silber lange bevor moderne Zentralbanken, elektronische Börsen oder globale ETFs existierten.
Die Geschichte reicht nach den Unterlagen des Hauses über sieben Generationen des Gold- und Silberhandwerks zurück. Jérémie Humbert wurde 1761 Amtsmeister der Berliner Goldschmiede. 1765 eröffnete er sein Geschäft an der Schlossfreiheit unweit des Berliner Stadtschlosses. Seit 1799 trat das Haus als Humbert & Sohn auf. 1825 wurde Jean George Humbert zum Hofjuwelier des preußischen Königs ernannt. Diese Familiengeschichte wird heute noch materiell sichtbar. Die Bibliothek für Hugenottengeschichte dokumentiert beispielsweise einen Silberlöffel von Humbert & Sohn aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Stück wiegt 56 Gramm und trägt neben dem Firmenstempel „Humbert&Sohn“ verschiedene Berliner Beschauzeichen sowie einen Tremulierstich, mit dem der Silberfeingehalt geprüft wurde.
Aber warum ist das für einen Artikel über Zentralbankreserven relevant? Weil sich hinter beidem dieselbe Grundidee verbirgt: Prüfbarkeit. Ein Gold- oder Silberstück musste Gewicht und Qualität besitzen, sowie identifizierbar sein und im Zweifel ohne ein Versprechen eines Dritten existieren. Das bedeutet nicht, dass sich ein Silberlöffel des Jahres 1820 mit einer modernen Zentralbankreserve vergleichen lässt. Aber das zugrunde liegende Verständnis realer Substanz ist bemerkenswert langlebig. Aus Torsten Humberts Sicht gehört deshalb zur Edelmetallexpertise nicht nur die Kenntnis des aktuellen Kurses. Ebenso wichtig sind Material, Reinheit, Herkunft, Handelbarkeit, Verwahrung und die Frage, was der Käufer tatsächlich besitzt.
Zentralbanken lagern nicht irgendein Gold irgendwo
In der Central Bank Gold Reserves Survey 2026 gaben 62 Prozent der befragten Institute London-Good-Delivery-Barren als bevorzugte Form für physische Goldkäufe an. 57 Prozent nannten die Bank of England als einen ihrer bevorzugten Lagerorte. 49 Prozent lagerten zumindest einen Teil ihrer Bestände im eigenen Land. Gleichzeitig zeigen die Daten, dass mehrere Zentralbanken ihre Lagerorte stärker diversifizieren wollen. Auch darin liegt eine interessante Vorsorgelektion.
Es genügt nicht zu sagen: „Ich besitze Gold.“ Die nächste Frage lautet: Wo? Danach folgt: In welcher Form?Und unter welchen rechtlichen Bedingungen?Diese Fragen stellen Zentralbanken und private Eigentümer sollten sie ebenfalls verstehen. Bei Nordmark Wertkontor wird dieser Gedanke praktisch weitergeführt. Das Unternehmen konzentriert sich ausschließlich auf physische Ware. Kunden sollen wissen, wo ihr Metall liegt, wem es gehört und unter welchen Bedingungen es herausgegeben werden kann.
Was kann ein Sparer von einer Zentralbank lernen – und was gerade nicht?
Privatanleger sollten Zentralbanken nicht kopieren, denn eine Zentralbank hat keinen Ruhestand, muss keine monatliche Miete bezahlen, finanziert keine Pflegekosten und muss keinem Kind eine Ausbildung ermöglichen. Sie verfügt außerdem über völlig andere Liquiditätsmöglichkeiten als ein privater Haushalt. Der Vergleich hat deshalb Grenzen, aber eine Denkweise lässt sich übertragen. Zentralbanken fragen nicht ausschließlich: Was bringt die höchste Rendite, sondern sie fragen gleichzeitig: Was passiert bei einer Währungskrise oder geopolitischen Spannungen? Welche Vermögenswerte besitzen Kreditrisiken oder welche Bestände sind jederzeit liquide? Wie sind Reserven geografisch verteilt? Welche Vermögenswerte reagieren unterschiedlich auf dieselbe Krise? Das ist Risikomanagement.
Und vielleicht sollte auch private Altersvorsorge häufiger so verstanden werden. Nicht als Suche nach einem einzigen perfekten Produkt, sondern als Struktur. Die gesetzliche Rente kann eine Säule darstellen und die betriebliche Altersversorgung eine weitere. Kapitalmarktanlagen können langfristige Ertragschancen eröffnen und Liquidität schafft Handlungsfähigkeit. Immobilien können Nutzung und Erträge ermöglichen. Und physische Edelmetalle können in einer individuell passenden Vermögensstruktur eine andere Aufgabe erfüllen. Wie groß diese Aufgabe sein sollte oder ob Edelmetalle überhaupt in ein bestimmtes Vermögen gehören, lässt sich nicht allgemein beantworten.
Vorsorge beginnt nicht mit Gold – sondern mit der Frage, wovor man vorsorgen möchte
Wer für das Alter vorsorgt, fürchtet häufig einen Mangel an Einkommen. Wer Vermögen besitzt, fürchtet möglicherweise Kaufkraftverlust. Wer Unternehmer ist, hat vielleicht einen großen Teil seines Vermögens bereits im eigenen Unternehmen gebunden. Wer Immobilien besitzt, ist womöglich stark von einem bestimmten Markt abhängig. Wer ausschließlich Bargeld hält, trägt Inflationsrisiken. Wer ausschließlich Aktien hält, muss erhebliche Marktschwankungen aushalten können. Das Wort „Sicherheit“ bedeutet für diese Menschen jeweils etwas anderes.
Torsten Humberts fachlicher Ansatz passt genau in diese Logik: Edelmetalle sollten nicht über Angst verkauft werden. Sie müssen verstanden werden. Denn Gold ist kein Ersatz für die gesetzliche Rente, kein Ersatz für produktives Kapital, keine Garantie gegen Inflation und es ist erst recht keine Garantie für steigende Preise. Es besitzt jedoch Eigenschaften, wegen derer selbst Zentralbanken dieses Metall weiterhin als Reserve halten.
Autor:
Thomas Koch, Kaufmann
Über den Autor
Thomas Koch ist Kaufmann und hat über viele Jahre Treuhandgesellschaften geleitet. Das Berliner Handelshaus Nordmark Wertkontor konzentriert sich auf Kauf, Verkauf und Verwahrung physischer Edelmetalle. Im Mittelpunkt der Wissensbeiträge stehen langfristige Vermögensfragen, Vorsorge, Kaufkrafterhalt und die Auseinandersetzung mit der Frage, wie bereits geschaffene Werte über Generationen bewahrt werden können.
Über Torsten Humbert
Torsten Humbert verantwortet bei Nordmark Wertkontor den Edelmetallhandel mit den Schwerpunkten Einkauf, Prüfung und Preisstellung. Seine familiären Wurzeln reichen über mehrere Generationen in das Berliner Gold- und Silberhandwerk zurück. Historische Spuren führen zum Hause Humbert & Sohn an der Berliner Schlossfreiheit und zu Jean George Humbert, der 1825 zum Hofjuwelier des preußischen Königs ernannt wurde.
Hinweis
Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen wirtschaftlichen, historischen und gesellschaftlichen Information. Er stellt weder eine individuelle Anlageberatung noch eine Aufforderung zum Erwerb oder Verkauf von Gold, Silber oder anderen Vermögenswerten dar. Die Ziele und Handlungsmöglichkeiten von Zentralbanken unterscheiden sich grundlegend von denen privater Anleger. Aus Goldkäufen von Zentralbanken lassen sich daher keine individuellen Anlageentscheidungen ableiten. Edelmetallpreise können erheblich schwanken, und historische Entwicklungen erlauben keine verlässlichen Aussagen über zukünftige Wertentwicklungen.



